definition legasthenie

Definition Legasthenie – LRS umfassend und detailliert

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Kurz erklärt: Was ist Legasthenie?
Bei einer Legasthenie bzw. LRS handelt es sich um eine biogenetische bzw. erworbene Störung des Schriftspracherwerbs trotz normaler Intelligenz.

Im Laufe der zwei vergangenen Jahrhunderte hat sich der Umgang mit Lese- Rechtschreibfehlern im schulischen Bereich und die Sicht auf diese Problematik signifikant verändert.

Bewertete man die Schwierigkeiten im Umgang mit Schrift zunächst rein aus medizinischer Sicht, so betrachtet man die Ursachen heute aus verschiedenen Blickwinkeln.

Im Fokus stehen zusätzlich die autistischen Störungsbilder, die gemeinsam mit einer Legasthenie auftreten können.

Eine ganzheitliche Betrachtung von Legasthenie erfordert auch die Berücksichtigung möglicher Rechenschwächen, da beide Störungen ursächlich meist eng miteinander verbundenen sind.

Der folgende Beitrag bietet einen informativen Überblick über die Begriffsbestimmungen und den Umgang mit dem Phänomen in all seinen Schattierungen von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Definition Legasthenie und Definition LRS im Wandel der Zeiten

Bereits seit fast 150 Jahren beschäftigt sich die Forschung mit dem Phänomen der Lese- Rechtschreibfehler und ihrer Einordnung.

Legasthenie - Begriff im Wandel der Zeit
Der Begriff Legasthenie im Wandel der Zeit

MEDIZINISCHE SICHT

Eine erste Begriffsbestimmung zu dem Phänomen der Lese- Rechtschreibstörung lieferte der deutsche Arzt Adolf Kussmaul im Jahre 1877. Er definierte Lese- Rechtschreibfehler als „erworbene Wortblindheit“.

1885 ging der deutsche Arzt und Schularzt Oswald Berkhan so weit, von einer „partiellen Idiotie“ zu sprechen.

Den Begriff Wortblindheit erweiterte der Augenarzt Rudolf Berlin 1887 mit dem – für ihn vorläufigen – Terminus der Lesestörung – Dyslexie.

So stellt er fest:

Dasjenige Symptom, welches dem in Rede stehenden Krankheitsbilde die Signatur aufdrückt, habe ich vorgeschlagen, Dyslexie zu nennen. Dieser Ausdruck schließt sich den gebräuchlichen Bezeichnungen Alexie und Paralexie an.

Berlin, R., S. 1

Dyslexie stellt für ihn ein Krankheitsbild dar,

[…] bei welcher es dem Patienten schwer wird, die Schriftzeichen „zusammen“ zu fassen. Damit würden wir gerade das Pathognomische des klinischen Symptoms ausdrücken.

ebd., S. 37

Diese Definition erweiterten im Jahre 1896 der Schularzt Kerr und der Augenarzt W.Pringle Morgan um den Terminus einer „kongenitalen Wortblindheit“ aufgrund angeborener mangelhafter Entwicklung des Lesezentrums.

Durch diese Determination wird eine Verbindung zwischen Lesestörung und einem genau lokalisierbaren – patologische veränderten – Gehirnareal neu determiniert.

Gut zu wissen: Kongenital bedeutet angeboren.

Bereits im Jahre 1903 zeichnet sich ein erster Paradigmenwechsel hin zu einer pädagogischen Einschätzung ab. Nach Wernicke sollten auch Lehrer und Erzieher über das Phänomen Wortblindheit informiert sein, um fachgerecht einwirken zu können.

Einen Meilenstein in der Erforschung und Bestimmung des Phänomens der Lese-Rechtschreibproblematik setzte im Jahre 1916 der ungarische Psychologe und Psychiater Pál Ranschburg mit dem Terminus Legasthenie.

1928 widmete Ranschburg diesem Phänomen das Werk „Lese- und Schreibstörungen im Kindesalter“.

Dabei unterschied der Psychologe zwischen Leseschwäche/Legasthenie und infantiler, optischer Leseunfähigkeit oder Alexie und führte als Grund partielle mindergeistige Fähigkeiten an.

Leseschwäche bedeutet […] eine nachhaltige Rückständigkeit höheren Grades in der geistigen Entwicklung des Kindes, sich äußernd in der Unfähigkeit, im Alter von 6 bis 8 Jahren oder auch darüber hinaus eine derart genügende Geläufigkeit des mechanischen Lesens anzueignen, welche die Vorbedingung eines erträglichen Verständnisses des Gelesenen wäre. […]

Mit der Leseschwäche geht ohne Ausnahme eine entsprechende hochgradige Schwäche des Diktat- und Kopfschreibens einher.

Ranschburg, S. 88f

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts fand die Bezeichnung Dyslexia mit den Unterteilungen Dyslexie (Störung des Lesens und Schreibens), Dysphasie (Störung der Sprachfähigkeit) und Dyskalkulie (Störung des Rechnens) Anwendung.

Diese 3 Benennungen vereinte schließlich der amerikanische Psychologie und Pädagoge A. Samuel Kirk 1962 unter dem Terminus learning disabilities für normal intelligente Kinder mit Funktionsstörungen.

PSYCHOLOGISCH – PÄDAGOGISCHE SICHT

Der Wandel von einer medizinischen zu einer psychologisch – pädagogischen Sichtweise bei dem Phänomen Legasthenie setzte in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts unter der Begriffsbildung der reading disability“ vorrangig in Amerika ein.

Umfangreiche Forschungen amerikanischer Wissenschaftlerinnen zur Symptomatologie, Diagnose und Therapie, darunter Marion Monroe mit ihrem Werk „Children who cannot read“ aus dem Jahre 1932 und F.J. Schonell „Backwardness in the Basic Subjects“ (1942) ebneten den Weg für diese neue Sichtweise.

Auch in Europa begann die Suche nach den Ursachen und Ausprägungen einer Lese-Schreibsschwäche bei Kindern in Abgrenzung zur rein medizinischen Sichtweise.

Im Jahre 1937 zeigte und verglich die Psychologin Lotte Mach in Ihrer Forschungsarbeit „Lese- und Schreibschwächen bei normalbegabten Kindern“ Fehlertypologien bei Leseschwachen und bei „normalen“ Leser:innen.

Lotte Mach verwendete den Terminus Lese – Schreibschwäche und vermutete schlussendlich neben millieubedingten Verstärkern Funktionsstörungen (Optik, Akustik, Raumlage, Gedächtnis) und ein

„anlagebedingtes Versagen“.

Mach, L. S, 176

Mach wandte sich gegen eine Beschulung in einer Sonderschule.

Sie plädierte vielmehr für die Beschulung in separaten Klassen mit Fokus auf die speziellen Schwächen der Schüler:innen.

Im Jahre 1951 identifizierte die Schweizer Psychologin Maria Lindner Legasthenie als Teilleistungsschwäche bei ansonsten „intakter bzw. relativ guter Intelligenz“.

Unter `Legasthenie´ verstehen wir demnach eine spezielle und aus dem Rahmen der
übrigen Leistungen fallende Schwäche im Erlernen des Lesens (und indirekt auch des
selbständigen orthographischen Schreibens) bei sonst intakter oder (im Verhältnis zur
Lesefähigkeit) relativ guter Intelligenz.

Linder, M.,S.13

Damit erkärte Lindner der Einordnung von Legasthenie im Sinne eines Intelligenzdefizits eine klare Absage.

1954 erweiterte der Schulpsychologe Hans Kirchhoff die genaue Translation von Legasthenie / Leseschwäche zur Lese – Rechtschreibschwäche.

In den 70er Jahren prägte schließlich Dr. Lotte Schenk-Danzinger mit ihrer Arbeit „Handbuch der Legasthenie im Kindesalter“ den Begriff Legasthenie für den deutschen Sprachraum.

Sie unterscheidet klar zwischen den Ausprägungen literale Legasthenie und verbale Legasthenie.

Die literale Legasthenie nach Schenk-Danzinger liegt dabei nah bei dem Begriff der Wortblindheit.

Die Forschungen von Lindner, Kirchhoff als auch Schenk – Danzinger können als grundlegend für die Einordnung von Legasthenie als pädagogische Herausforderung betrachtet werden.

Eine weitere Unterteilung der Lese-Rechtschreibschwäche in Legasthenie und LRS geht auf Hans Grissemann zurück.

1974 plädiert Grissemann in seinem Werk „Legasthenie und Rechenleistungen“ für eine Erfassung der spezifischen Porbleme des Kindes und für die individuelle Förderung.

Ende der 70er Jahre setzte eine Anti-Legastheniedebatte ein, die das Phänomen letztendlich auf ein rein pädagogisch/didaktisches Problem reduzierte.

Diese Anti – Legasthenie Debatte zog sich in Großbritannien bis in die Anfänge der 2000er Jahre hin.

Schlussendlich wurde die emanente pädagogisch/ didaktische Rolle der Lehrer:innen im Förderprozess von Kindern mit Schwierigkeiten im Lesen betont.

Vital to ensuring the best possible provision for children with dyslexia is the proper training of teachers, not only in teaching reading to those with special needs but also in effectively screening for those needs as early as possible.

https://publications.parliament.uk/pa/ld200506/ldhansrd/vo051207/text/51207-24.htm

Den Blick auf Früherkennungsmechanismen gerichtet beschäftigte sich die Legasthenie -Therapeutin Edith – Maria Soremba Ende der 80er Jahre symptomorientiert mit dem Phänomen Legasthenie.

1987 veröffentlichte sie ihr Lebenswerk „Legasthenie muss kein Schicksal sein. Was Eltern tun können, um ihren Kindern zu helfen“.

Soremba definiert eine Legasthenie als Spezielle Lese – Rechtschreibschwäche.

Die Lerntherapeutin und Lehrerin war Ehrenvorsitzende des 1986 gegründeten Legasthenie – Kreisverbandes Vechta.

Im Gegensatz dazu findet sich bei der Diplompsychologin Edith Klasen die Definition und der Terminus einer isolierten spezifischen oder umschriebenen Lese- Rechtschreib-Störung.

Klasen begründet ihre Begriffsbildung damit, dass es sich bei der Legasthenie „nur um eine Beeinträchtigung der schriftsprachlichen Lernfunktionenhandele.

Edith Klasen war Gründungsmitglied des Landesverband Legasthenie Bayern.

PÄDAGOGISCHE SICHT
Legasthenie Ursachen und Ausformungen

1995 prägte Dr. Astrid Kopp Duller die Begriffe Primärlegasthenie und Sekundärlegasthenie im Rahmen ihrer pädagogischen Definition von Legasthenie als Teilleistungsstörung aufgrund unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen.

Kopp – Duller verwendet und differenziert dabei LRS ( Lese- Rechtschreibschwäche) wie folgend:

LRS ist zu unterteilen in eine kognitive durch Intelligenzmangel bedingte LRS und in eine intelligenzunabhängige LRS. Dabei bezieht sich Kopp – Duller ausdrücklich auf die Definition von Hans Grissemann 1974.

Die intelligenzunabhängige Form entsteht im Rahmen einer allgemeinen Lernstörung oder aufgrund der speziellen LRS ( Legasthenie).

Eine LRS im Rahmen einer allgemeinen Lernstörung benennt Kopp – Duller erworbene LRS. Diese entsteht zum Beispiel durch ein Lerndefizit, mangelnde Übung oder stellt ggf. ein psychopathisches Krankheitssymptom dar.

Eine Legasthenie determiniert sie als spezielle LRS und ist hauptsächlich genbedingt. Kopp – Duller verweist hierbei explizit auf Edith Klasen.

Weiters wird Legasthenie in eine Primär-, und Sekundärlegasthenie, verschiedene Schweregrade und in die verbale als auch literale Ausprägung dieser Leistungsstörung unterteilt.

Die Sekundärlegasthenie kann sich aus einer nicht erkannten Primärlegasthenie entwickeln.

Es entsteht also neben der Primärlegasthenie eine sekundäre Leistungsstörung mit Verhaltensauffälligkeiten und ggf. Schulversagen.

SCHULMINISTERIEN

Mit Ende der 60er Jahre erließen die einzelnen Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland nach und nach Richtlinien im Umgang mit legasthenen Schüler:innen.

Diese Erlasse regelten und regeln nach wie vor den schulischen Umgang mit lese-rechtschreibschwachen Schüler:nnen.

Eingegangen wird u.a. auf die Diagnostik, Förderung, Leistungsbewertung und Schullaufbahn bei LRS.

Die Terminologie gestaltete sich in den Richtlinien der Bundesländer unterschiedlich.

Als Synonym für Legasthenie fand der Begriff (LRS) – Lese- Rechtschreibschwäche Anwendung.

So im niedersächsischen Erlass D. MK vom 24.08.1972 .

Bezug genommen wird auf die Begriffsbestimmung von Legasthenie seitens Siegfied Schubenz:

Heute versteht man unter Legasthenie das Phänomen der bedeutsamen Inkongruenz von (relativ guter) allgemeiner Begabungshöhe und der (relativ geringen) Fähigkeit, das Lesen und orthographisch richtige Schreiben in der von der Schule dafür eingeräumten Zeit und dem vorgesehenen Maß an Training zu erlernen […]

Soremba, E.-M.,S. 42

Weiters zum Beispiel in den Richtlinien zur Förderung von Schülern mit isolierter Lese – Rechtschreibschwäche (LRS) vom 4.10.1973 in NRW.

Im Jahre 1978 beschloss die KMK eine Abkehr von den Bezeichnungen Lese – Rechtschreibschwäche – Legasthenie, um den vielfältigen Erscheinungsformen und zugleich deren möglichen Ursachen Rechnung zu tragen.

Man entschied sich für den Terminus Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (LRS).

Grundsätze zur Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und des Recht­schreibens.

Beschl. d. KMK v. 20. 4. 1978

1999 trat dann der damalige Bayrische Erlass „Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und des Rechtschreibens“ vom 16.11.1999 in Kraft.

Dieser Erlass erntete reiche Kritik:

So betrachtet Brüggelmann (2001) die Richtlinien unter anderem im Hinblick auf die Terminologie als problematisch.

Er bemerkt:

Der Erlass unterscheidet drei Formen von Lese-/ Rechtschreibschwierigkeiten, für die unterschiedliche Ausprägungen mit jeweils besonderen Ursachen angenommen und entsprechend unterschiedlichen Behandlungsformen vorgeschrieben werden (Kap. I):

die „Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie) […], „Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS)[ …], „Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf[…]

Brüggelmann, S. 1f.

Und weiter:

Die Vielfalt möglicher Schwierigkeiten mit der Schriftsprache, ihrer unterschiedlichen Ursachen und der entsprechend differenziert erforderlichen Förderung der Kinder wird durch die plakative Dreiteilung der „Erscheinungsbilder“ in einer Weise reduziert, die den notwendigen Blick auf die individuellen Besonderheiten erschwert. […]

Zudem ist die begriffliche Unterscheidung fachlich nicht zu rechtfertigen.

Brüggelmann, S. 2

Einordnung und Definition einer Legasthenie nach MAS

Das Multiaxiale Klassifikationsschema für psychische Störungen (MAS) des Kindes- und Jugendalters ist eine empirisch basierte Weiterentwicklung des ICD – 10 Schemas. Es definiert Legasthenie 1986 als umschriebene Lese- Rechtschreibschwäche.

Das MAS umfasst 6 Achsen und wird zur Beurteilung einer Legasthenie eingesetzt.

Achse I: Klinisch-psychiatrisches Syndrom
Achse II: Umschriebene Entwicklungsstörungen
Achse III: Intelligenzniveau
Achse IV: Körperliche Symptomatik
Achse V: Aktuelle abnorme psychosoziale Umstände
Achse VI: Globalbeurteilung der psychosozialen Anpassung


Definition der Weltgesundheitsorganisation

Die ICD-10 – WHO – „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ – Klassifikation psychischer Störungen – ordnet die Legasthenie einer umschriebenen Entwicklungsstörung zu.

Alle in dem Code ICD -10 aufgeführten Krankheiten beginnen im Kleinkindalter oder in der Kindheit, es handelt sich um Entwicklungseinschränkungen oder Entwicklungsverzögerungen im Zusammenhang mit der Reifung des Zentralnervensystems.

Legasthenie wird als

[…] umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten [verstanden], die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist.

Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, können sämtlich betroffen sein.

Bei umschriebenen Lesestörungen sind Rechtschreibstörungen häufig und persistieren [bestehen] oft bis in die Adoleszenz, auch wenn einige Fortschritte im Lesen gemacht werden. […]

https://www.icd-code.de/icd/code/F81.-.html

Des Weiteren ist im ICD – 10 explizit die isolierte Rechtschreibstörung unter F81.1. beschrieben:

Es handelt sich um eine Störung, deren Hauptmerkmal in einer umschriebenen und bedeutsamen Beeinträchtigung der Entwicklung von Rechtschreibfertigkeiten besteht, ohne Vorgeschichte einer Lesestörung.

Sie ist nicht allein durch ein zu niedriges Intelligenzalter, durch Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar.

Die Fähigkeiten, mündlich zu buchstabieren und Wörter korrekt zu schreiben, sind beide betroffen.

Im Januar 2022 trat die Version ICD-11 mit einer Übergangsfrist von 5 Jahren in Kraft.

Legasthenie fällt nunmehr unter die Lernstörungen ohne expliziten Bezug zur Schule.

Sie unterscheidet dabei explizit in

  • isolierte Lesestörung (6A03.0)
  • Rechtschreibstörung (6A03.1)

Eine isolierte Lesestörung liegt vor, wenn mindestens einer der folgenden Bereiche betroffen sind:

  • Leseverständnis
  • Lesegeschwindigkeit
  • Lesegenauigkeit


Die Rechtschreibstörung wird als Störung des schriftsprachlichen Ausdrucks (6A03.1) definiert.

Folgende Fehlerkriterien werden in die Diagnostik einbezogen:

  • Rechtschreibung
  • Grammatik
  • Zeichensetzung
  • Organisation und Zusammenhalt von Ideen in der Schrift (Textproduktion)


Auch hier gilt: Selbst bei einer Beeinträchtigung nur eines Bereichs kann die Diagnose Legasthenie gestellt werden.

Beispielhaft für kritische Stimmen dazu:

[…];nicht zuletzt ist zu befürchten, dass zukünftig Kinder betroffen sind, die überwiegend Zeichen- oder Grammatikfehler machen.

Schulte-Körne 2021, S.3

Legasthenie / LRS nach DSM

Bei dem DSM „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ handelt es sich um ein Klassifikationssystem für psychische Störungen, das von der American Psychatric Association (Website: psychatric.com) herausgegeben wird.

Im DSM III R (1987) wird Legasthenie als Entwicklungsbedingte Schreibstörung (315,80) beschrieben. Im DSM IV (1996) erhält die Legasthnie die Definition Störung des schriftlichen Ausdrucks (315.20) und Lesestörung (315,00)

Gemäß der Definiton des DSM 5 (2013) stellt Legasthenie eine spezifische Lernstörung dar – „spezific learning disorder (SLD)“.

Specific learning disorder is a developmental disorder that begins by school-age, although it may not be recognized until later.

Ronald D. Davis

1998 machte die Davis Methode Schlagzeilen. Ronald D. Davis (Website: dyslexia.com) definiert Legasthenie als Ausdruck eines individuellen Phänomens im Hinblick auf besondere Wahrnehmungsfähigkeiten.

Legasthenie Definition des BVL

Der wissenschafltiche Beirat des Bundesverbands Legasthenie (BVL) beschrieb 1987 Legasthenie als Schwächen beim Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechtschreiben, die weder auf eine allgemeine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung noch auf unzulänglichen Unterricht zurückgeführt werden können.

Aktuell weist das BVL auf den differenzierten Gebrauch der Termini hin:

Der BVL verwendet für gravierende Lese- und/oder Rechtschreibschwierigkeiten, welche die ICD-10-Kriterien erfüllen, daher den klar definierbaren Begriff der Lese-Rechtschreibstörung sowie gleichbedeutend den Begriff Legasthenie.

Zur besseren Lesbarkeit verwenden wir zusätzlich auch die Abkürzung LRS.

Die beiden Begriffe Lesestörung sowie Rechtschreibstörung verwenden wir, wenn wir nur auf den jeweils isoliert betroffenen Lese- oder Rechtschreibbereich Bezug nehmen wollen.

https://www.bvl-legasthenie.de/legasthenie.html, abgerufen am 16.3.22

Definition Legasthenie des EÖDL

Der EÖDL verwendet gemäß der Definition von Dr. Astrid Kopp-Duller (1995) eine pädagogisch orientierte Definition. Kopp – Duller unterscheidet explizit zwischen genbedingter angeborener Legasthenie und erworbener LRS.

Weitere Informationen zu dem Konzept des EÖDL und der Legasthenie Förderung bei LernStraat findest du hier.

Legasthenie vs. Dyslexie

Der Terminus Dyslexie bezieht sich im deutschsprachigen Raum vorwiegend auf erworbene Formen schriftsprachlicher Probleme, die z. B. bei Hirnschädigungen aufgrund von Unfällen oder Tumoren auftreten können (ICD-10 R48.0). Sie zählt zu den sog. Werkzeugstörungen: also Störungen, die die Sprache und Stimme betreffen.

Im englischsprachigen Raum ist Dyslexie mit Legasthenie und LRS gleichgesetzt.

Was ist der Unterschied zwischen Legasthenie und LRS?

Eine Legasthenie ist neurogen und nicht heilbar. Eine LRS hat vielfältige Ursachen, die per se nicht mit den Sinneskanälen im Zusammenhang stehen.
Die erworbene, intelligenzunabhängige LRS ist therapierbar und meist vorübergehend.
Häufig werden im Alltagsgebrauch die Begriffe Legasthenie und LRS synonym verwendet.

Unterschiede Legasthenie und LRS

Legasthenie für Kinder erklärt

Lesen und Schreiben fällt dir schwer, obwohl du viel übst. Buchstaben sind für dich anstrengend. Deine Schrift ist nicht gut lesbar. In anderen Fächern hast du meist bessere Noten.

Zusammenfassung des Beitrags

Im Laufe der vergangenen 150 Jahre hat sich das Verständnis für die Lese- Rechtschreibstörung in Gesellschaft und Wissenschaft stark gewandelt.
Schritt für Schritt und durch den Diskurs wissenschaftlicher und sozialpolitischer Disziplinen hat der Terminus Legasthenie seine heutige Ausformung erhalten.

Im Jahre 1895 galt die Lese – Rechtschreibschwäche noch als rein pathologisches Problem, deren Ursache in einer angeborenen Wortblindheit durch Beeinträchtigung des Lesezentrums gesehen wurde.
In der Gegenwart betrachten wir das Phänomen wesentlich differenzierter und haben uns von der rein medizinischen Perspektive gelöst.

Die Einordnungen zusammengefasst:

  • LRS wird in den aktuellen Erlassen der Bundesrepublik als Lese- Rechtschreibschwierigkeiten definiert. Vergleiche dazu die Beiträge LRS – Erlass – alle 16 Bundesländer und lrs-nachteilsausgleich-alle-16.
  • Der BVL nutzt aktuell (2022) den Begriff der Lese-Rechtschreibstörung. Er verwendet LRS und Legasthenie synonym.
  • Ronald D. Davis versteht Legasthenie als Talentsignal aufgrund besonderer Wahrnehmungsfähigkeiten.
  • Nach dem DSM V handelt es sich bei Legasthenie um eine spezifische Lernstörung. Das DSM klassifiziert Legasthenie unter psychischen Störungen.
  • Die WHO sieht eine Legasthenie als umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung / Störung der Entwicklung von Lese- Rechtschreibfähigkeiten. Die Entwicklungsstörung fällt in die Kategorie psychischer Störungen.
    Im Gegensatz dazu fällt die Dyslexie unter die sogenannten Werkzeugstörungen.
  • Der EÖDL unterscheidet auf pädagogischer Ebene
    zwischen einer speziellen LRS, die erblich bedingt ist, und einer LRS im Rahmen einer allgemeinen Lernstörung mit kognitiven Defiziten.
    Die Legasthenie / spezielle LRS differenziert Kopp – Duller in die primäre, sekundäre, verbale und literale Legasthenie. Ursächlich ist die differente Verarbeitung von Sinnesreizen.

Quellenangaben

Berlin, R. (1887): Eine besondere Art der Wortblindheit (Dyslexie); Wiesbaden : Bergmann

Brügelmann, H. (2001): Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechtschreiben. Gutachten für
die Kultusministerkonferenz, Bonn

Grissemann, H. (1974): Legasthenie und Rechenleistungen: Häufigkeit und Arten von Rechenstörungen bei Legasthenikern. Bern, Stuttgart, Wien; Hans Huber

Karl Sirch (1975).: Der Unfug mit der Legasthenie, Stuttgart und Schlee. Klett / Stuttgart

Kirchhoff, H. (1954): Lese- und Rechtschreibeschwäche im Kindesalter. IN: Psychologische Praxis, Heft 14; Basel/New York

Linder, M.(1962): Lesestörungen bei normalbegabten Kindern, Schweizerischer Lehrerinenverein [und] Schweizerischer Lehrerverein

Lords Hansard text for 7 Dec 2005 (51207-24)

Mach, L. (1937): Lese- und Schreibschwäche bei normalbegabten Kindern. In: Zeitschrift für Kinderforschung. Bd.46, S. 113-197

Philippe, Robaey (2011): Rethinking Learning Disabilities. In: Understanding Children Who Struggle in
Ranschburg, P.(1928): Die Lese- und Schreibstörungen des Kindesalters. Halle a.S.

Waber, D.P. ( 2010): Rethinking Learning disabilities: Understanding Children who struggle in school. Guilford Press.

Schulte-Körne, G. (2021): Verpasste Chancen: Die neuen diagnostischen Leitlinien zur Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung der ICD-11. IN: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2021; 49:6, 463-467

Soremba, E.-M.(1995): Legasthenie muss kein Schicksal sein. Was Eltern tun können, um ihren Kindern zu helfen. Freiburg/Basel

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